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Die Stadt Pfaffenhofen bemüht sich schon seit Jahren darum, ein Vorreiter im Bereich nachhaltiger Lösungen zu werden.

Bevor die Master-Studierenden der Hochschule München für weitere Kreativlösungen angefragt wurden, hatte die Stadt Pfaffenhofen schon einiges erarbeitet, auf dem die Studierenden aufbauen konnten.

Die Stadtwerke haben sich zuerst an die eigene Nase gefasst und ihr Mobilitätskonzept verbessert. So haben sie angefangen, die Dienstfahrzeuge mit nach Hause zu nehmen, wo sie von Nachbarn am Wochenende zweitgenutzt werden konnten. Mit diesem Carsharing-Projekt haben sie den Wettbewerb „Mobil gewinnt“ gewonnen – Zeit also, nun auch bei den Bürgern anzupacken. Das Problem ist, dass bis dato auf jedes Auto in Pfaffenhofen nur 1,3 Bürger kommen, was dem Wohlhaben der Einwohner geschuldet ist. Geld einsparen ist also kein guter Anreiz, um die Bürger von alternativen Mobilitätsmethoden zu überzeugen. Wenn überhaupt, sollte an deren Umweltbewusstsein appelliert werden.

Nach dem Motto „Angebote statt Verbote“ hat die Stadt Pfaffenhofen einen kostenlosen Stadtbus mit 8 Linien eingeführt, der werktags von 5 bis 20 Uhr fährt. Zudem sind auch weitere nachhaltige Mobilitätslösungen konzipiert worden: Es gibt Ladestationen in der ganzen Stadt, um den Einzug von Elektromobilität zu fördern. Es wurde auch ein eigenes Carsharing-System auf die Beine gestellt. Durch diverse Projekte wurden nun die Bürger mit einbezogen. Vor allem das sogenannte EcoQuartier ist in Pfaffenhofen besonders aktiv: Ein Viertel mit vielen engagierten Bürgern, denen die Nachhaltigkeit der Stadt besonders am Herzen liegt.

1. Schritt im Design Thinking Prozess: Kundenproblem verstehen
In den ersten Schritten des Design Thinking Prozesses geht es darum, das Kundenproblem, in diesem Fall also den zunehmenden Autoverkehr in Pfaffenhofen, zu verstehen.

Um nachvollziehen zu können, warum die Bürger von Pfaffenhofen lieber zum Auto als zu öffentlichen Verkehrsmitteln greifen, ist es notwendig die Bedürfnisse und Probleme jedes einzelnen zu kennen. Hierfür wurden zunächst Empathy Maps für die unterschiedlichen Zielgruppen Pfaffenhofens erstellt. Die Empathy Maps helfen dabei, eine Person auf der emotionalen Ebene zu verstehen und somit ihr Denken und Handeln besser nachvollziehen
zu können. Dazu wurden die Personen in einer bestimmten Situation in Bezug auf Folgendes
analysiert: Sehen, Hören, Denken, Fühlen

Anschließend wurden Interviews mit den verschiedenen Zielgruppen geführt, um die Annahmen der Empathy Map zu überprüfen. Die Interviews unterstützen im Design Thinking Prozess insbesondere bei der Recherche und Analyse der Bedürfnisse und bei der Evaluierung von Prototypen. Hierbei wurde darauf geachtet, offene Fragen zu stellen, also immer das “Warum” zu hinterfragen, um tiefe Einblicke zu erhalten. Zudem war uns wichtig eine ausreichende Anzahl von Interviewpartnern zu finden, um ein repräsentatives Bild zu erhalten. Im letzten Schritt der Design Thinking Phase “Kundenproblem verstehen” wurde der Point of View erarbeitet. Er ergänzt die Empathy Maps um die Ergebnisse der Interviews. Aus Vermutungen werden somit reale Personen. Die Empathie-Interviews sind die Eckpfeiler des Design Thinkings. Durch das Eintreten und Verstehen der Gedanken von anderen Personen können Entscheidungen leichter nachvollzogen, sowie Verhaltensmerkmale herausgefiltert und identifiziert werden. Das hilft dabei, Innovationen, passende Dienstleistungen und Produkte zu entwickeln. Hierbei haben wir
uns die Frage gestellt, ob das Produkt wirklich relevant für den Kunden ist. Um dieses Produkt richtig zu entwerfen, ist die Geschichte der Kunden wichtig, denn diese enthüllt persönliche Einsichten und Gefühle. In einem Empathie-Interview geht es um aktives Zuhören.

Folgendes konnten wir mit diesen Interviews herausfinden:
Wie sich Personen beim Pendeln fühlen:
„Oft gestresst. Es gibt viele Zugausfälle und Verspätungen, man muss mit Schwierigkeiten bei der Fahrt rechnen. Ich komme oft später als geplant der muss Verspätungen einplanen.

Warum die befragten Personen nicht auf ihr Auto verzichten können:
„Ich bin wegen der Lage im infrastrukturell sehr schlecht ausgebauten Dorf auf ein Auto angewiesen. Einige Fahrten in der Woche finden mit schweren und unhandlichem Gepäck statt, was die Nutzung eines Fahrrads vereitelt.“

Warum sich für das Pendeln entschieden wird:
„Günstiger, kein Geld und Gebrauch für Fahrzeug, Parkplätze sind Mangelware, umweltschonend.“

Ob sich bei der Wahl der Transportmittel Gedanken über die Umwelt gemacht wird:
„Ich versuche, so umweltfreundlich wie möglich zu leben, aber die vielen Ausfälle und zusätzlichen Autofahrten, die dadurch entstehen, revidieren oft den Umweltgedanken. Generell bin ich aber für umweltfreundliche Alternativen, solange diese dann auch funktionieren.“

2. Schritt im Design Thinking: Kundenproblem lösen

In dieser zweiten Hälfte des Design Thinking Prozesses ist es wichtig, neue Ideen und Ansätze zu entwickeln, die den Bewohnern von Pfaffenhofen auch wirklich weiterhelfen.
In Teams von vier bis sechs Studierenden wurden Ideen entwickelt, um die Probleme der jeweiligen Zielgruppe lösen zu können. Diese Phase ist sehr kreativ, um eine optimale Problemlösung zu finden und die nachhaltige Mobilität in Pfaffenhofen voranzutreiben.
Um das Kundenproblem zu lösen, wurden mit Hilfe verschiedener Brainstormings Ideen gesammelt. Hier ist es wichtig zu erwähnen, dass es keine „falschen“ oder „schlechten“ Ideen gibt, sondern zunächst alles gesammelt wird, was spontan einfällt. Anschließend wurden die Ideen noch detaillierter aufgedröselt. Für diese Ausarbeitung wurde der Ideenturm verwendet. Mit Hilfe des Ideenturms, konnten bereits zuvor erarbeitete Ideen noch weiter ausgebaut werden. Ein Teilnehmer der Gruppe schrieb seine Idee auf und die Anderen in der Gruppe ergänzten die Themen, wie bei dem Bau eines Turms. Am Ende ergaben sich mehrere, unterschiedlich ausgearbeitete Ideen, die durch die Methode visuell gut dargestellt wurden und für den weiteren Prozess sehr hilfreich waren. Um noch verrücktere und bessere Ideen zu bekommen, nutzten die Studierenden noch die Methode des Sprungs ins Jahr 2030 bzw. 2050. Hierbei stellt man sich vor, welche Ideen wohl in diesen Jahren umgesetzt werden könnten. Durch diese Methode sind den Teams noch viele Ideen eingefallen, die in der Zukunft realisierbar sein könnten.

Folgende Lösungsansätze sind in der Ideenfindung entstanden:
• Autofreie Innenstadt
• Nachbarschafts-App
• Ride-Sharing
• Car-Sharing
• Anreize schaffen
• Monitoring

Nach der Ideenfindung sollten die besten Ansätze visualisiert werden, um diese dann der Zielgruppe zu zeigen und herauszufinden, ob die Ideen für gut befunden werden. Normalerweise wären diese Prototypen im Design Thinking Lab des Studiengangs händisch gebastelt worden. Corona geschuldet wurden die Prototypen virtuell umgesetzt.

Folgende Ideen wurden visualisiert:
Der erste Ansatz ist eine Pfaffenhofen-App, die sich der Nutzer aus unterschiedlichen Modulen zusammenstellen kann. Es gibt ein Nachbarschafts- Modul, mit dem sich der Nutzer mit seinen Nachbarn vernetzen kann, um sich gegenseitig unter die Arme zu greifen. Im Mitfahrgelegenheits- Modul kann der Nutzer sich Fahrten mit anderen Bürgern teilen, um deren CO2-Bilanz zu verbessern. Ebenfalls integriert ist ein Carsharing-Modul, mit dem die Nutzer ein freies Auto in ihrer Nähe finden und mieten können. Ein wichtiger Teil der App sind einige Anreizsysteme, wie ein Belohnungssystem, um an das Umweltbewusstsein der
Bürger zu appellieren. Damit das Monitoring für die Stadtwerke Pfaffenhofen erleichtert wird,
ist ein Modul integriert, in dem die Pfaffenhofener Bürger ihr Fahrverhalten dokumentieren können. Anreiz für deren Nutzung sind Belohnungen, die der Nutzer unmittelbar in Form von beispielsweise eingepflanzten Bäumen erhält.

Parallel wurde ein skalierbares Konzept für eine autofreie Innenstadt ausgearbeitet, das unmittelbar an Pfaffenhofen angepasst ist. Zunächst sind Maßnahmen für den Hauptplatz geplant, die schließlich auf die komplette Innenstadt ausgeweitet werden können. Dazu wurde ein weiteres Konzept ausgearbeitet, das darauf abzielte, das öffentliche Verkehrsangebot zu verbessern und die Innenstadt nicht nur autofrei, sondern auch fahrradfreundlicher zu gestalten.

Auf Kundenwunsch wurde ein dritter Prototyp entwickelt, der sich um die automatische Erhebung, Auswertung und Aufbereitung von Verkehrsdaten dreht. Ziel des Prototypens sollte es sein, den Bürgern Pfaffenhofens spielerisch den Spiegel vors Gesicht zu halten und eine intrinsische Motivation zu erzeugen, aktiv auf das Auto verzichten zu wollen.